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Pflegemigration: Aus Übersee an das heimische Krankenbett

Der Druck auf dem Kessel ist groß! Rund 70.000 zusätzliche Pflegekräfte braucht Österreich bis 2030. Auch die Arbeitsmigration von qualifizierten Fachkräften soll ein Ventil dafür sein. Immer mehr österreichische Gesundheitseinrichtungen scouten bereits auf anderen Kontinenten nach dringend benötigtem Personal.

Der Personalmangel in den Pflegeberufen ist nicht neu. Österreich ist in gewissen Pflegebereichen bereits von ausländischer Hilfe abhängig, die 24-Stunden-Pflege halten vor allem Frauen aus Osteuropa am Laufen. Da der europäische Markt aber endlich ist, suchen einzelne Gesundheitseinrichtungen bereits auf anderen Kontinenten nach Fachpersonal. Oberösterreich setzt auf die Philippinen, während die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) mit einer Personalvermittlungsfirma kooperierte, die kolumbianische Pflegekräfte in steirische Krankenhäuser brachte.

Migration ein kleiner Baustein

„Kolumbien wurde deshalb ausgewählt, weil die Kultur und Mentalität ähnlich zu Österreich sind. Ältere Menschen haben einen besonderen Stellenwert“, erklärt Birgit Großauer, die interimistische Pflegedirektorin am LKH Graz II. Dieses ist ein Spital der KAGes, das aus vier Standorten besteht. 2021 entschied sich dieses zusammen mit dem LKH Hochsteiermark es mit ausgebildeten und berufserfahrenen Pflegekräften aus Kolumbien zu probieren, die von einer Personalvermittlungsfirma gescoutet wurden.

Die Bewerbungsgespräche liefen online mit einem Übersetzer ab. „Wir haben insgesamt 17 Pflegekräfte ausgewählt“, sagt Großauer. Vor rund einem Jahr kamen die ersten drei Pflegekräfte in der Steiermark an. Reihenweise folgten die Restlichen, sodass in der Hochsteiermark nun zehn und in Graz sieben Kolumbianer:innen arbeiten. Für Großauer ist die Zuwanderung von qualifiziertem Pflegepersonal nur ein kleiner Baustein, um den riesigen Mangel an Fachkräften zu überwinden. In Österreich sprechen Expert:innen davon, dass bis 2030 70.000 zusätzliche Pflegekräfte fehlen, einzelne schätzen diese Zahl noch höher.

Dies liegt auch an der demografischen Entwicklung in Österreich, denn das Durchschnittsalter hierzulande wächst immer weiter und damit auch die Anzahl von Personen, die eine qualifizierte Pflege benötigen. Gleichzeitig sinkt der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung von 20 bis unter 65 Jahren im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Somit stehen pflegebedürftigen Menschen immer weniger potenzielle Pflegekräfte gegenüber. Krankenpflegeberufe stehen längst ganz oben auf der Liste der Mangelberufe, tausende Stellen könnten sofort besetzt werden.

 

Verständigung als Problem

Der Arbeitsort für die sieben Kolumbianer:innen in der steirischen Landeshauptstadt ist der Standort West des LKH Graz II im Stadtbezirk Eggenberg. „Dort haben wir internistische und chirurgische Abteilungen. Wir haben sie auf der Inneren Medizin eingesetzt, weil wir dort den größten Bedarf haben“, sagt Großauer. Pflegemigrant:innen aus dem EU-Ausland müssen nach ihrer Ankunft einzelne Inhalte, die bei der Ausbildung im Heimatland zu kurz gekommen sind, im Zuge einer Nostrifikation an einer Fachhochschule nachholen, sodass ihre im Heimatland erworbene Ausbildung hierzulande auch anerkannt wird. Dies haben die ersten Kolumbianer:innen in der Steiermark bereits geschafft.

Die KAGes verspricht sich laut Birgit Großauer, dass sie einer in Österreich ausgebildeten Pflegekraft zukünftig um nichts nachstehen: „Man kann jetzt noch nicht sagen, dass sie ein vollwertiger Ersatz für eine Person mit abgeschlossener Pflegeausbildung als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeperson sind. Das muss auf längere Sicht gesehen werden und da müssen wir sie sicher länger begleiten, dass wir zu dem Ziel kommen.“ Dies liegt daran, dass das Deutschniveau der Pflegekräfte zu Beginn längst nicht ausreichte, obwohl sie vor ihrem Flug nach Österreich ein Jahr lang in Kolumbien die Sprache paukten. „Sie sollten ein B2-Niveau haben wenn sie kommen und das ist mitunter die größte Hürde. Sie sind fachlich gut ausgebildet, aber es scheiterte oft am sprachlichen Verständnis“, heißt es.

 

Scouting geht weiter

Die sieben Kolumbianer:innen lebten sich in Graz dennoch gut ein. Die KAGes setzte neben weiteren Deutschkursen weitere Maßnahmen, um die Integration auch außerhalb des Arbeitsplatzes zu erleichtern. „Das beginnt damit, dass sie in Wien vom Flughafen abgeholt und an den Standort Süd des LKH Graz II gebracht wurden. Hier waren frisch renovierte und vollständig eingerichtete  Wohnungen für sie vorbereitet. Es wurde ein Fahrrad bereitgestellt und der Weg zur Arbeit zum Standort West mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erklärt. In den ersten 14 Tagen werden sie bei allen Amtswegen unterstützt“, sagt Großauer. Ihre Assistentin ist gleichzeitig der Buddy, also die direkte Ansprechperson, der Neuankömmlinge.

„Bei einer Kolumbianerin kommt jetzt das Kind nach. Das wird hier angemeldet und in die Schule gehen“, sagt Großauer. „Von der sozialen Komponente ist es ein großer Erfolg, weil sie sehr nett und offen sind und man einfach eine Freude hat, dass sie gut angekommen sind“, ergänzt sie. Das Scouting in Südamerika solle nun weitergehen: „Es ist geplant, dass aus Kolumbien weitere Kräfte kommen sollen.“ Auch am benachbarten Grazer Universitätsklinikum läuft derzeit ein ähnliches Projekt an. 30 Tunesier:innen sollen dort im März ihren Dienst antreten.

 

Autor: Tobias Graf 

 

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